Theaterschiff Potsdam
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Postdamer Neueste Nachrichten vom 29.04.2011 zu König Ödipus

Das kann ich auch

„Das kann ich auch“

von Klaus Büstrin

Bodo Wartkes Version vom „Ödipus“ wurde auf dem Theaterschiff gefeiert

Mit seiner Ein-Mann-Show von „König Ödipus“ feiert der Berliner Musikkabarettist und Sprachkünstler Bodo Wartke in der ganzen Republik seit Jahren immer wieder große Erfolge. Er machte nämlich aus der antiken Tragödie nach Sophokles einen fetzigen Theaterspaß. Der Potsdamer Marcus Löwer bekam den Text Wartkes in die Hände, vertiefte sich in ihm und verliebte sich schließlich in den Ödipus. Dann ging er zu Mathias Iffert, Vereinsvorsitzender des Theaterschiffs, zeigte ihm die Fassung und meinte: „Das kann ich auch spielen.“ Iffert hatte Vertrauen zu Löwer und gemeinsam produzierten sie „König Ödipus“.

Der 21-jährige Schauspieler-Autodidakt Marcus Löwer, und Matthias Iffert, der hierbei sein Regiedebüt gab sowie Bernhard Frese mit der E-Gitarre als Dritter im Bunde fanden gemeinsam Spaß an der tieftragischen Geschichte in der hochkomischen Version von Bodo Wartke. Er erzählt die Geschichte des Ödipus’ von der Wiege bis zur Bahre oder wenigstens so ungefähr in einem rasanten Tempo, von der fluchbeladenen Geburt, seiner Jugend, dem schicksalhaften Vatermord, dem Sieg über die rätselhafte Sphinx, seiner Regentschaft und der Heirat mit seiner eigenen Mutter sowie von dem tragischen Ende des unschuldig schuldig gewordenen Helden.

Bodo Wartkes Sprache hat Witz, Ironie, ist zeitgemäß und präzise – allerdings hat sie auch eine gewisse Vorhersehbarkeit. Viele Zitate wird der Zuschauer immer wieder aus dem Text heraushören. Sie stammen in leicht abgewandelter Form aus unterschiedlichsten Quellen, aus der Literatur, dem Film oder der Werbung. Da greift der Hirte aus Theben mit dem Kind auf dem Arm mit „Und ob ich auch wand‘re im finsteren Tal, fürchte du kein Unglück“ den biblischen Psalm 23 (Psalm vom guten Hirten) auf. Ebenso vernimmt man Varianten aus Shakespeares „Hamlet“ (Da ist was faul im Staate Theben/statt Dänemark) oder „Richard III.“ (Ein Königreich für ein Schwert/statt Pferd) oder aus Schillers „Die Bürgschaft“ (Die Stadt vom Tyrannen befreien!) und „Wilhelm Tell“ (Durch diese hohle Gasse muss er kommen).

Bodo Wartke hat seinen „König Ödipus“ auch als Fassung für drei Schauspielerinnen geschrieben. Vielleicht wäre es für alle Beteiligten auf dem Theaterschiff entspannter gewesen, wenn man sich gegenseitig die komödiantischen Bälle hätte zuwerfen können, doch Marcus Löwer wollte wohl auf dem Potsdamer Theaterschiff mit einer One-Man-Show allein glänzen. Eineinhalb Stunden das Publikum bei „der Stange“ zu halten, das nötigt Respekt ab. Auf alle Fälle vor dem Beherrschen des umfangreichen Textes, der in Reimform an die Zuschauerin und den Zuschauer weitergegeben wird.

Matthias Iffert inszenierte das Stück mit manch augenzwinkernder Anspielung. Er versuchte natürlich mit dem Tempo, das Wartke in seinem Text vorgibt, auch auf der Bühne mitzuhalten. Doch das gelingt selten. Darsteller Markus Löwer, der in 14 Rollen schlüpft, wird angehalten, die Verwandlung in eine andere Person mit zu viel Aufwand zu betreiben. Das ergibt ein paar Durststrecken. Es nervte, wenn der Protagonist oftmals unentwegt die andere Figur erst mit drei bis vier Schritten zum Leben erwecken kann. Es wäre schöner gewesen, wenn man den Wechsel von einer Rolle in die andere aus dem Stand heraus spielen würde. Vielleicht auch mit dem Andeuten von einer Utensilie, wie beim blinden Seher Teiresias mit der Sonnenbrille geschehen. Löwer hat mit seiner wunderbaren Ausstrahlung und seinem Selbstbewusstsein unbedingt das Zeug, das Publikum zu unterhalten, mehrere Rollen an einem Abend zu spielen, mimisch und gestisch sowie sprachlich die jeweiligen Personen zu charakterisieren. Doch noch wird alles zu brav abgearbeitet. Der junge Darsteller, der sich sicherlich noch frei spielt, wurde für seinen intensiven Einsatz ausgiebig vom Publikum gefeiert.

In seinen abschließenden Dankesworten an den Regisseur, die Technik des Theaterschiffes vergaß er auch nicht seinen Vater zu nennen sowie das „Herrenzimmer“, ein Potsdamer Konfektionsgeschäft. Das sponserte den tadellos sitzenden hellblauen Anzug, in dem sich Marcus Löwer auf der Bühne bewegte. Er konnte auch die Chefs des Geschäfts begrüßen, denn tagsüber, wenn er nicht für die Bühne probt und auf ihr steht, verkauft er Herrengarderobe.

Alles spricht dafür, dass es im Theaterschiff an der Alten Fahrt auch künftig recht eng wird, wenn es vom traurigen „König Ödipus“ heißt: „Der Story fehlt das Happy End – das ist zwar ein bisschen schade, doch leider werkimmanent“. In den Sommermonaten will man mit dem Stück auf’s Deck gehen.