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MAZ vom 06.07.2016 zu Die Präsidentinnen

„Präsidentinnen“ auf dem Theaterschiff

Sie sind Putzfrauen, ihre Sprache derb, ihr Leben verunglückt. Trotzdem – oder gerade deshalb – sind die „Drei Präsidentinnen“ von Werner Schwab ein Erfolgsstück: ein Höllenritt zwischen Primitivem und Höchstem, zwischen Tirade und Theologie, zwischen Exkrementen und Goldstaub. Auf dem Theaterschiff feiern sie am Freitag Premiere – mit männlicher Besetzung.

Potsdam. 1990 gelang dem Wiener Skandalautor Werner Schwab mit diesen „drei Szenen“ der Durchbruch: In „Die Präsidentinnen!“ lässt der mit gerade mal 35 Jahren im Suff verstorbene Schwab drei Putzfrauen träumen, schwadronieren, fantasieren und sich aus ihrem völlig verunglückten Dasein herauskrakeelen – bis ausgerechnet ein Tagtraum sie auf den harten Boden ihrer Realität zurückwirft.

Die Sprache der drei Akteurinnen ist so derbe wie ausgefeilt, so klar wie schräg, das Stück selbst ein Höllenritt zwischen Primitivem und Höchstem, zwischen Tirade und Theologie, zwischen Exkrementen und Goldstaub. Auch auf deutschen Bühnen liefen die „Präsidentinnen“ in den 90er-Jahren herauf und herunter. Dann ist es leider etwas ruhiger geworden um Schwab.

War es das Verstummen des typischen Schwab-Sounds auf deutschen Bühnen, das die Brandenburger Schauspielerin und Regisseurin Christiane Ziehl jetzt dazu brachte, das Stück neu zu inszenieren, ausgerechnet auf dem Potsdamer Theaterschiff? Waren es nostalgische Erinnerungen an ihre eigene Darstellung der Putzfrau „Grete“ vor 20 Jahren? Das wird vorläufig ihr Geheimnis bleiben.

Präpariert für eine zünftige Schwab-Inszenierung ist Christiane Ziehl allemal. Nicht nur durch ihre preisgekrönten Regiearbeiten. Ihre eigene Darstellung der sexsuchenden 80-jährigen Elfriede Vavrik im Stück „Nacktbadestrand“ – ebenfalls zu sehen auf dem Theaterschiff – bringt sie schon selbst in beachtliche Nähe zu Schwabs vor keiner Sauerei zurückschreckenden Antiheldinnen. Und in Brandenburg an der Havel beweist sie immer wieder, dass sie bekannte Stoffe wie etwa Fontanes Grete Minde auf den Punkt bringen kann.

Ein solcher Punkt, wenn nicht gar Ausrufezeichen in der Theaterschiffinszenierung ist die Besetzung der „Präsidentinnen“ Grete, Erna und Mariedl mit den Ensemblemitgliedern Mathias Iffert, Rüdiger Braun und Stefan Reschke. Der Regiekniff liegt nahe. Gestandene Mannsbilder bringen das männlich derbe Wesen der Akteurinnen unmittelbarer zum Ausdruck, als es weibliche Darstellerinnen je könnten. Und zugleich sorgen sie für eine Brechtsche Verfremdung des Stoffes. Der will immer Hyperrealismus, nie Realismus sein. Ohne falsches Transengetue, sachlich und echt sollen die drei Schauspieler ab Freitagabend die Substanz des Schwabschen Stückes als reines Sprachkunstwerk leuchten lassen.

Ihnen entgegen kommt das reduzierte und doch bis ins Detail komponierte Bühnenbild von Thomas Gabriel. Ohne Anstrengung beschwört es eine Vision der ärmlich-trostlosen Wohnküche schlechthin. Einen konzentrierten, wuchtigen und durchaus überraschenden Theaterabend verspricht sich das Theaterschiff von seiner ersten Premiere in diesem Jahr. An Bord des Schiffes wollen sich am Freitag und am Samstag nach vielen Jahren Bühnenauszeit die drei wort- und wutgewaltige Schwabschen Damen erneut von ihrem Weltekel befreien und sich aufschwingen zu Herrscherinnen des Universums. Ob ihnen das in der Ziehlschen Fassung gelingt, ist ab Freitag auf dem Theaterschiff zu erfahren.

Info: Freitag und Sonnabend jeweils ab 19.30 Uhr auf dem Theaterschiff Potsdam, Schiffbauergasse 9b




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